

Was macht eigentlich Ilhan Mansiz?
"Ich freue mich, dass der Klub so eine unglaubliche Entwicklung hingelegt hat"
Ilhan Mansiz wurde mit den A-Junioren des FC Augsburg 1994 Deutscher Pokalsieger und mit über 30 Toren auch Torschützenkönig. Anschließend wechselte er zum 1. FC Köln, ehe ihn seine Reise zu Klubs wie Samsunspor, Besiktas Istanbul oder Hertha BSC führte. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea spielte er für die türkische Nationalelf, die sensationell Dritter wurde. Mansiz erzielte im Spiel um Platz drei zwei Tore. Heute lebt er in Istanbul und arbeitet für das türkische Fernsehen als Experte und Analyst. Der 49-Jährige ist immer noch sehr populär in seiner Heimat, was knapp 340.000 Follower bei Instagram dokumentieren.
Hallo Ilhan, wo habe ich dich denn gerade erreicht?
Ich wohne seit einem Jahr wieder in Istanbul. Ich war die letzten Jahre in Europa, Mexiko und den USA unterwegs, zuletzt habe ich zwei Jahre in Los Angeles gelebt. Ich bin vor nicht allzu langer Zeit wieder Vater geworden und wir wollten näher bei den Eltern und Schwiegereltern sein. Deswegen sind wir wieder in die Türkei gezogen.
Du arbeitest als Experte für das türkische Fernsehen?
Ja, ich analysiere Live-Spiele der türkischen Süper Lig und mache auf einem YouTube-Kanal auch die Zusammenfassung der Spiele.
Du bist ein echtes Multitalent. Bei dir weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Am besten ganz von vorne. Du bist in Kempten aufgewachsen, wie hat es dich Anfang der 90er Jahre zum FC Augsburg verschlagen?
Ich bin in Kempten geboren und aufgewachsen. Als ich neun war, ging es wieder in die Türkei, aber nach einigen Jahren sind wir wieder ins Allgäu zurückgekehrt. Dort habe ich beim SV Lenzfried angefangen zu kicken und bin später zum FC Kempten gewechselt. Durch meine guten Leistungen ist der FCA auf mich aufmerksam geworden. Der FCK und der FCA haben damals beide in der Jugend-Bayernliga gespielt, der FCA war eine super Adresse im Jugendfußball in Deutschland.
Ich habe erst vor einigen Wochen Frank Gerster interviewt, der auch vom FCK nach Augsburg gewechselt ist.
Ich habe mit Frank in Kempten gespielt und er hat mich, soweit ich mich erinnern kann, beim FCA empfohlen. Anfangs war das aber schon eine große Umstellung für mich.
Inwiefern?
Ich bin damals auf die FOS in Kempten gegangen, nach der Schule bin ich viermal die Woche mit dem Zug nach Augsburg gependelt. Ich bin morgens um 7.00 Uhr aus dem Haus und war meist erst gegen 23.00 Uhr wieder zuhause. Nachdem mir der FC Kempten die Freigabe verweigert hatte, war ich erst einmal einige Wochen gesperrt und durfte nicht spielen, ich wurde aber dennoch Torschützenkönig.
Der Wechsel nach Augsburg hat sich für dich voll gelohnt, du bist mit den A-Junioren 1994 Deutscher Pokalsieger geworden. Das muss für einen jungen Spieler unglaublich cool gewesen sein, oder?
Natürlich, das war schon ein überragendes Erlebnis für mich mit 18 Jahren. Wir haben im Endspiel 2:1 gegen den 1. FC Köln gewonnen, ich habe zwar kein Tor erzielt, aber beide Treffer von Berkant Oral vorbereitet. Nach dem Spiel kam Trainer Heiner Schuhmann zu mir in die Kabine und hat mir erzählt, dass mich der 1. FC Köln verpflichten will. Ich habe daraufhin mit den Verantwortlichen gesprochen und wir wurden uns schnell einig.
Beim Heimspiel gegen Leipzig waren die Pokalsieger von 1994 in der WWK ARENA eingeladen. Stimmt es, dass du extra aus Istanbul zu diesem Event geflogen bist?
Ja, das stimmt, als die Einladung kam, wollte ich unbedingt dabei sein.
Wie war es für dich, deine früheren Mannschaftkollegen nach so vielen Jahren wiederzusehen?
Es war wirklich toll, die Jungs mal wieder zu erleben. Früher gab es ja keine Smartphones oder Social Media und so ist vieles im Laufe der Jahrzehnte im Sande verlaufen. Umso schöner war es, als wir uns alle in der WWK ARENA getroffen haben. An dieser Stelle muss man dem FCA ein Kompliment machen, dass solche Meetings arrangiert werden.
Wie erging es dir beim 1. FC Köln?
Trainer war damals Morton Olsen, mit dem ich ganz gut klargekommen bin. Die Konkurrenz im Sturm war mit Carsten Jancker, Bruno Labbadia oder Toni Polster brutal. Für mein Einstiegsjahr lief es ganz gut, der FC bot mir eine Vertragsverlängerung an, aber mein Vater wollte damals unbedingt, dass ich in die Türkei wechsle. Zu dieser Zeit konnte man dort viel Geld verdienen und so bin ich zu Genclerbirligi Ankara gewechselt. Nach einer schweren Verletzung wollte ich eigentlich schon mit dem Fußball aufhören, bin aber dann in die zweite türkische Liga zu Kusadasispor gewechselt. Dort lief es super, ich habe 16 Tore erzielt und wechselte daraufhin für eine Rekordablöse zu Samsunspor. Nach drei Jahren war ich bereit für Besiktas Istanbul und dort habe ich gleich eingeschlagen. 2002 wurde ich Torschützenkönig in der Türkei und Nationalspieler.
2002 war für dich ein großes Jahr. Du hast mit der türkischen Nationalmannschaft bei der WM in Japan und Südkorea teilgenommen, ihr seid sensationell Dritter geworden. Das muss für dich ein Traum gewesen sein.
Im Prinzip schon, aber ich war mit meinen Einsatzzeiten nicht ganz glücklich. Ich bin zwar bei allen sieben Spielen eingesetzt worden, aber nur einmal über die volle Distanz beim Spiel um Platz drei gegen Südkorea, das wir 3:2 gewinnen konnten. Das war bisher der größte Erfolg einer türkischen Nationalmannschaft.
In diesem Spiel gelangen dir zwei Tore.
Meine Bilanz lautete: Sieben Spiele, drei Tore. Gegen Senegal konnte ich das Golden Goal erzielen, es war zugleich auch das letzte der Geschichte. Nach der WM kamen natürlich die Angebote hereingeflattert, unter anderem auch vom FC Bayern. Ich hatte immer wieder Schmerzen beim Joggen und nach einer Untersuchung hat sich herausgestellt, dass ich einen Meniskusriss hatte. Leider wurde bei der OP übersehen, dass ich zwei Risse hatte. Ich habe trotzdem eine weitere Saison bei Besiktas gespielt. Obwohl ich Leistungsträger war und mir elf Tore in 13 Spielen gelangen, habe ich kein Vertrauen von Vereinsseite gespürt. Der Höhepunkt war, dass ich gegen meinen Willen nach Japan zu Vissel Kobe verkauft wurde.
Wie war das Leben im Land der aufgehenden Sonne?
Mir hat es sehr imponiert, wie höflich und respektvoll die Japaner miteinander umgehen. Aber mir hat in der J-League die Leidenschaft gefehlt, also kein Vergleich mit den heißblütigen Fans in türkischen Stadien. Nach drei Monaten war ich wieder verletzt, ich wurde in Italien operiert, dann zurück und Reha, wieder verletzt, wieder operiert, dieses Mal in Augsburg. Befund: Knorpelschaden, knapp zehn Monate außer Gefecht.
"Der liebe Gott wollte anscheinend nicht, dass ich weiter Fußball spiele“
Nach Stationen bei Hertha BSC und Ankaragücü musstest du dann deine Karriere beenden, weil du von einem Auto angefahren wurdest.
Zu dieser Zeit hatte ich eine Wohnung in München. Ich wollte zum Joggen in den Englischen Garten, was mir allerdings zum Verhängnis wurde. Ich bin bei Grün über die Fußgängerampel gelaufen und konnte im Augenwinkel noch sehen, wie mich ein Fahrzeug von der Seite erfasst hat. Das Auto hat mich auf Kniehöhe erwischt, aber ich hatte noch Glück im Unglück, dass ich hochgeschleudert wurde und nicht unter die Räder kam. Innenband gerissen, Knorpel- und Meniskusabsplitterung, danach war es vorbei mit dem aktiven Fußball. Der liebe Gott wollte anscheinend nicht, dass ich weiter Fußball spiele.
So viel Pech kann man eigentlich gar nicht haben.
Wenn man so will, hat meine Karriere so richtig mit 26 Jahren angefangen und mit 28 war sie schon wieder vorbei. Natürlich fragt man sich immer wieder, wie es gelaufen wäre, wenn ich von Verletzungen verschont geblieben wäre.
Deine sportliche Karriere ging dennoch weiter, aber in einer ganz anderen Sparte. Du hast Schlagzeilen gemacht, du wurdest Eiskunstläufer. Wie kam es denn dazu?
Durch meine Popularität war ich oft Gast im türkischen TV und bekam auch immer wieder Angebote, in Serien mitzuspielen. Eines Tages wurde ich angefragt, ob ich nicht Lust hätte, beim Format „Stars on Ice“ als Partner der Slowakin Olga Bestandigova mitzumachen, die 2002 an den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City teilgenommen hatte. Obwohl im Allgäu aufgewachsen, bin ich tatsächlich nie auf Schlittschuhen gestanden. Es hat auf Anhieb super funktioniert und wir haben die Show gewonnen. Wir haben daraufhin noch weiter zusammen trainiert und wollten sogar an den Winterspielen 2006 teilnehmen, sind aber an der Qualifikation gescheitert. Es war aber dennoch eine tolle Erfahrung in meinem Leben.
Verfolgst du den deutschen Fußball beziehungsweise den FCA?
Ich verfolge es so gut, wie es geht, aber ich bin durch meinen Job mit dem türkischen Fußball so beschäftigt, dass mir die Zeit fehlt, die Spiele des FCA anzuschauen. Ich freue mich aber, dass der Klub so eine unglaubliche Entwicklung hingelegt hat und drücke die Daumen, dass es weiterhin nach oben geht. (ws)
